Das Daedalis

Nayarcon, der Schwarze Berg, erhob sich in der Leere noch bevor dem Anbeginn aller Zeitalter. Seine unendliche Größe ist unermesslich, seinen Gipfel zu erreichen würde Äonen dauern, seine Schwärze zu durchdringen die Kraft der mächtigsten Wesen verschlingen. Tief im Inneren des Berges schlafen die Kräfte des Chaos, die Mächte der Welt – die Ältesten.

Ihre Namen, wenn sie je welche trugen, gingen vor Jahrtausenden verloren. Die Erinnerung an sie ist nicht mehr als ein blasser Schimmer auf dem tiefsten Grund der sterblichen Seele.

Dennoch gab es eine Zeit, als die Ältesten wach und frei waren und das Herz des Berges verlassen konnten. Dies war das Zeitalter der Stürme. Mit schrecklicher Gewalt fegten sie über die Hänge des Nayarcon und veränderten seine Oberfläche für immer. In einem endlosen Kreislauf aus Erschaffung und Zerstörung stiegen Orte und Dinge aus der Dunkelheit auf, nur um im nächsten Augenblick wieder zu Staub zerfetzt zu werden. Die Kräfte der Ältesten wüteten ohne Ziel und nichts war von Dauer oder hatte Bestand.

Erst nach einer sehr langen Zeit ließen die Kräfte der Ältesten etwas nach. Sie wurden müde und die Wucht der Stürme ließ nach. Schließlich kehrten sie einer nach dem anderen in das Herz des Berges zurück und fielen in einen unendlichen Schlummer. Zurück blieb eine grotesk zerschlagene Ödnis und nichts hatte Form oder Bedeutung. Ohne die zerrenden Winde jedoch begannen die Dinge nach und nach zueinander zu finden, und Gleiches verband sich mit Gleichem. Über ein weiteres langes Zeitalter entstanden die Elemente und mit ihnen das Prinzip der Ordnung.

Alle Dinge, die existieren, sind letztlich ein Teil der Ältesten, doch stellen sie nur einen verschwindend kleinen Teil ihres Wesens und ihrer Macht dar. Als genügend Überreste der Stürme zusammen gekommen waren, erwachten nach und nach die Elemente. Aus der Vielzahl der Einzelteile entstand ein Ganzes, dem ein göttlicher Geist innewohnte. Zuerst erwachte das Element des Feuers und sein ursprünglicher Name war Halyma. Es sprang aus der Dunkelheit hervor wie eine Stichflamme und durchdrang die ewige Finsternis mit einem ersten Licht. Danach erwachte Tróm, das Element der Erde, und es breitete sich über die Flanken des Nayarcon aus und verteilte sich überall. Ihm nach folgte das Element des Wassers, es trägt den Namen Isca, und es kämpfte lange Zeit mit Halyma auf der Spitze des Berges um die Vorherrschaft. Keines der Elemente konnte die Oberhand gewinnen und schließlich zog sich Halyma unter die Weiten Tróms zurück und die Fluten Iscas strömten den Nayarcon hinab und füllten alle Senken, die Tróm gebildet hatte und bildete Meere und Flüsse. Einige versprengte Feuer von Halyma gingen verloren und wurden in die dunklen Sphären außerhalb des Nayarcon versprengt. Einige von ihnen sind bis heute als Lichter am Firmament zu sehen und erleuchten die Ebenen Tróms und die Ozeane von Isca. Zuletzt erwachte Sulé, das Element der Winde. Sulé kam in seiner Art den Ältesten am nächsten, unbeständig und wild zerstörerisch und nicht zu greifen, stritt es mit Tróm und versuchte seinen Platz einzunehmen. Die Wasser Iscas jedoch beschwichtigten den Streit und trennten die Elemente auf alle Zeiten und Ruhe kehrte ein.

Mit den Jahrtausenden entstanden aus den vier Elementen weitere schwächere Elemente und vermischten sich neu. Von ihnen sind die bekanntesten die Elemente Holz (lagh), Stein (valcr) und Metall (síde), aber diese sind nicht die Einzigen.

Die Feuer Halymas gruben sich tief in die Flanken des Berges und auch wenn sie nie das Herz des Berges erreichten, so rührten sie dennoch an die uralten Kräfte der Ältesten. Durch die langen Adern aus Feuer und flüssigem Stein drang ein kleiner Teil der Macht der Chaoskräfte langsam nach außen und sickerte in die jungen Welten, die gerade entstanden. Das fünfte Element, die Magie (Maya), entstand. Aufgrund ihrer sich ständig veränderlichen Natur fand Maya keinen festen Platz in der Welt. Ihre Kraft durchdrang die anderen Elemente wie lange Adern oder Fäden eines Spinnennetzes und korrumpierte die Elemente und was sie gerade geschaffen hatten. Um die Elemente zu spalten und sich selbst einen dauerhaften Platz oder gar die Herrschaft über den Nayarcon und alle Welten zu verschaffen, erschuf Maya den Riesen Elyn, das erste Wesen, das im Lichte Halymas über die Weiten der Welt ging. Maya brauchte dabei nahezu alle eigenen Kräfte auf und bündelte diese in diesem Wesen aus reiner Energie. Die Kreatur richtete unsäglichen Schaden an und verschlang ganze Welten, die gerade erst geformt worden waren und nun nie wieder erstehen sollten. Lange ertrugen die Elemente ihr Treiben, bis sie sich schließlich zusammen dagegen stellten und nach einem heftigen und langen Kampf den Riesen niederwarfen. Sie zerrissen seinen mächtigen Körper und verstreuten seine Einzelteile über den Schwarzen Berg. Sein großes Auge wurde über der Welt in den Himmel gehängt und starrt bis heute auf die Welt hinab, wenn die Feuer Halymas hinter dem Horizont verschwinden. Sein dunkles Blut floß in die Meere und verdarb die Wasser Iscas dort für immer zu ungenießbarem Salzwasser. Sein Fleisch fiel auf die dunklen Wälder und gebar dunkle Kreaturen und böse Dinge in den Schatten. Seine Knochen und Sehnen füllten die tiefsten Höhlen und wenn die Berge eines Tages abgetragen sein werden, werden sie der Grund der Welt sein.

Das Herz der Kreatur wurde am tiefsten Punkt der Welt begraben und dort liegt es bis heute – das Daédalis, der Blutstein. Von diesem Ort, wo es in faulen Wassern liegt, strahlt die Macht Mayas weiter durch die Erde und die Gewässer der Welt und bricht an einigen Stellen durch die Oberfläche. An diesen Orten sammeln sich dunkle Wesen und Geister und kein Sterblicher sollte sich diesen nähern.